Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau

Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau

Der grüne Fürst – eine bebilderte Biographie

Bild 1: Seine Durchlaucht Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau

„Kunst ist das Höchste und Edelste im Leben,
denn es ist Schaffen zum Nutzen der Menschheit.
Nach Kräften habe ich dies mein langes Leben hindurch
im Reiche der Natur geübt.“

 

Seine Hoheit Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau
(*30.10.1785 in Muskau, † 04.02.1871 in Branitz)

Abenteurer – Aufsehen erregender Sachbuchautor – Berichterstatter – Briefschreiber – Dandy – Deutschlands auflagenreichster Reiseschriftsteller – Ehrenbürger von Cottbus – Einzelkämpfer – Erzähler – Exzentriker – Frauenheld – Freigeist – Gartenbaukünstler – geistreicher Gesellschafter – Generalleutnant im Königreich Preußen – Gourmet – Graf einer Freien Standesherrschaft – Individualist – Landschaftsarchitekt mit Weltruhm – Landschaftsgärtner – Lebemann – Mitglied des preußischen Herrenhauses – Namensgeber für einen Asteroiden – Playboy – Republikaner – Revolutionär – Snob – Standesherr – Verschwender – Visionär – Weltliterat – Weltreisender

Im Dezember 1784 heiratete Ludwig Carl Johann Erdmann Reichsgraf von Pückler (1754-1811) Clementine Cunigunde Charlotte Olympia Louise von Callenberg (1770-1850). Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau war das erste von fünf Kindern der Eheleute.

Bild 2: Ludwig Carl Hans Erdmann Reichsgraf von Pückler, Vater des Hermann von Pückler-Muskau Foto: Autor M. K.-H. Heuer
Bild 3: Clementine Cunigunde Charlotte Olympia Louise Reichsgräfin von Callenberg, Mutter des Hermann von Pückler-Muskau Foto: Autor M. K.-H. Heuer

Sein Bruder starb in der Kindheit an Ruhr. Er selbst wuchs in der Standesherrschaft Muskau, der größten deutschen Standesherrschaft, mit drei Schwestern und seinem Großvater George Alexander Heinrich Hermann von Callenberg auf. Seine Eltern schenkten ihm wenig Beachtung. Eine Suche der gerade erst 15-jährigen, völlig überforderten Mutter nach einem geeigneten Hofmeister für ihren Sohn und Erbgrafen führte

1790

zu Andreas Tamm (*1767, †1795), der diese Aufgabe übernahm. Tamm studierte von 1783 bis 1789 Jura.

Bild 4: aus Ludmilla Assing, „Fürst Hermann von Pückler-Muskau – Eine Biografie“, Band 1

Die Mutter behandelte Pückler wie ein Spielzeug. Zum Beispiel warf sie ihn übermütig in die Luft und fing ihn wieder auf. Dieser meinte als Erwachsener hierzu, dass es ein Wunder war, dass seine Mutter ihm nicht sämtliche Knochen zerbrochen hat. Sie spielte schließlich in seinen ersten Lebenstagen mit ihm Fangeball.

Bild 5: aus Ludmilla Assing, „Fürst Hermann von Pückler-Muskau – Eine Biografie“, Band 1

Einzig sein Großvater Graf von Callenberg mochte den jungen Grafen. Nach dessen Tod wurde der Siebenjährige 

1792

nach Uhyst, der pietistischen Bildungseinrichtung der Herrnhuter Brüdergemeinde, dann aufs Pädagogium nach Halle und anschließend auf das Philanthropinum(1) in Dessau gegeben.

Bild 6: das heutige Philanthropinum in Dessau

Pückler immatrikulierte sich zum Studium der Rechte 

1800

an der Universität Leipzig, brach dies ab und begann

1802

eine militärische Laufbahn in Dresden, bei den Gardes du Corps.(2)

(1) Das Philanthropium in Dessau stellte ein Erziehungs- und Bildungsinstitut für Söhne des Adels und der wohlhabenden Bürger dar. Die Art der Unterrichtung war völlig neu. Ganz Europa schenkte diesen neuen Unterrichtsmethoden Beachtung. 
(2) Das Regiment der Gardes du Corps war ein Kürassierregiment in der Garde Kavallerie der Preußischen Armee. Es wurde 1740 von Friedrich II. von Preußen als 13. Kürassierregiment gegründet. (wikipedia.org) 

Schließlich unternahm er

1806 – 1810

ausgedehnte Reisen nach München, Konstanz, Luzern, Mailand, Bern, Genf, Lyon, Avignon, Arles, Marseille, Genua, Rom, Neapel, Venedig, Turin, Straßburg, Paris und Wien. Einige Tagebuchaufzeichnungen dieser Reisen erschienen in Pücklers „Jugendwanderungen“.
Wegen des Todes seines Vaters

1811

wurde Pückler als 25Jähriger Standesherr zu Muskau, Baron von Groditz und Erbherr zu Branitz. Die Standesherrschaft umfasste eine Fläche von über fünfhundert Quadratkilometern mit fünfundvierzig Dörfern und der Stadt Muskau. Die Verwaltung wurde an Pücklers Freund Leopold Schefer übertragen, da er selbst als Oberstleutnant und Generaladjutant des Herzogs Karl-August von Sachsen-Weimar-Eisenach an der Völkerschlacht bei Leipzig teilnahm.
In späteren Feldzügen gegen Napoleon wurde er als Verbindungsoffizier zum russischen Zaren Alexander I. eingeteilt, danach als Militärgouverneur von Brügge (Belgien).

1812

besuchte er Goethe in Weimar und sprach mit ihm über Landschaftsgärtnerei. Der Dichter beurteilte Pücklers Pläne so: „Verfolgen Sie die Richtung. Sie scheinen Talent dafür zu haben. (Übrigens nannte man den Fürsten später auch ‚Goethe der Landschaftsgärtnerei‘.)“(3)

1813

trat er als Major in russische Dienste und wurde Adjutant des Großherzogs von Sachsen – Weimar. Nach dem Wiener Kongress

1815

fiel Pücklers Teil der Lausitz von Sachsen an Preußen. Schätzungen von Historikern zu Folge war er einer der fünfzehn größten Landbesitzer im Königreich Preußen. Ab 1815 wurde der Fürst-Pückler-Park Bad Muskau mit einer Gesamtfläche von 545 Hektar angelegt und gilt als der größte Landschaftspark Zentraleuropas im englischen Stil. Zwei Drittel des Parks liegen östlich der Lausitzer Neiße und fielen 1945 an Polen gehören. Beide Teile, der in Deutschland liegende und der in Polen liegende, sind durch eine Brücke über die Neiße miteinander verbunden. Zeitgleich baute er neben Park und Schloss Muskau auch das Gebiet um das Jagdschloss bei Weißwasser aus.
Im gleichen Jahr startete Pückler einen öffentlichen Aufruf »An die Bewohner Muskaus« zur Schaffung des Muskauer Parks.

Sein Aufstieg in einem Freiballon bezeugte Pücklers bekannte Tollkühnheit.

1816

Er startete in Berlin auf dem Gendarmenmarkt für 600 Reichstaler. Die sich selbst gesetzte Lebensaufgabe war vor einem großen staunenden Publikum ein voller Erfolg, denn wieder einmal stand Pückler im Rampenlicht. Die Landung in der Nähe Potsdams jedoch verlief unsanft.

(3) http://www.garten-literatur.de/Leselaube/persoenl/pueckler_p.htm

Im November desselben Jahres folgte die Verlobung des Hermann Graf von Pückler-Muskau mit der neun Jahre älteren Lucia Anna Wilhelmine Christina Gräfin von Hardenberg-Reventlow (1776-1854), der verwöhnten und verschwenderischen Tochter des preußischen Staatskanzlers und Fürsten Karl August von Hardenberg, um sie im darauffolgenden Jahr zu heiraten.

Bild 7: Lucie Anna Wilhelmine Gräfin von Hardenberg

Pückler-Muskau hatte anfangs der Gräfin, ihrer 19-jährigen Tochter Adelheid und auch der erwachsenen, skandalumwitterten Pflegetochter Helmine den Hof gemacht. Zur großen Überraschung wählte er aber keine der Töchter, sondern deren Mutter als Ehefrau, da er nur an der Mitgift von Lucie und nicht an ihr selbst interessiert war. Verliebt in sie war er nicht im Geringsten, behielt sich jede Freiheit vor und legte fest, dass Lucie nun ihr Vermögen hergeben muss. Im Gegenzug wollte er für sie nach der Hochzeit sorgen. Wegen seiner Schulden ermahnte er seine Frau ständig zur Sparsamkeit, interessierte sich aber selbst wenig darum. Minderwertige Dinge wurden nicht angeschafft. Er kaufte Kutschen und Reitpferde aus England, Glas aus Boppard am Rhein sowie Kristall aus Paris. Das Hauspersonal umfasste 17 Personen, darunter vier Zofen plus Gesinde.

„Inspiriert durch eine Reise begeisterte Pückler sich für den englischen Landschaftspark, für die unauffällig gebändigte Natur. Im Frühjahr

1817

begann der ‚Erdbeweger‘ auf dem Familiensitz in der Lausitz 800.000 Bäume und 42.000 Sträucher zu pflanzen. Wiesen wurden entwässert, die Neiße umgeleitet und das gesamte Dorf Köbeln vom rechten auf das linke Ufer der Neiße umgesiedelt. „Die Muskauer Bürger fragen sich, ob ‚es mit meinem Verstande noch seine Richtigkeit habe‘.“(4)
Sein berühmt gewordenes Konzept der „Blickachsen“ konnte der Graf hier bei der Anlage der Parks verwirklichen. Seit 2004 zählt der Park zum UNESCO-Welterbe.

(4) www.fuerstpueckler.de

Die Gestaltung des Parks in Muskau wurde von einem Facharbeiterstamm aus Muskau ausgeführt, aber durch Branitzer Tagelöhner(5) ersetzt. Tätig waren bis zu 130 Gefangene, die das Cottbuser Stadtgefängnis zur Verfügung stellte. Pückler wurde somit zum Hauptarbeitgeber einer ganzen Gegend. Der Lohn war karg.

1820

sorgte er wieder einmal für Aufsehen und fuhr vor dem berühmten Café Kranzler in Berlin mit einem Gespann dressierter Hirsche vor.

Bild 8: Pücklers Hirschgespann in Berlin Stadtarchiv Cottbus

1820 wurde Hermann von Pückler-Muskau vom König Friedrich Wilhelm III. in den Fürstenstand erhoben – zur Entschädigung für verschiedene freiwillig aufgegebene Standesrechte bei Einverleibung der Lausitz in den preußischen Staat. Der Erwerb des Titels war mit 4000 Reichsmark verbunden. Finanziell ging es bergab. Auf Muskau lasteten bereits 500.000 Taler Schulden und die Einkünfte sanken weiter. Seine Hoffnungen auf eine Erbschaft beim Tod seines Schwiegervaters wurden zerstört, als Fürst Hardenberg 1822 als 72-Jähriger starb. Er hatte seine Tochter Lucie enterbt, aber seiner Geliebten 50.000 Taler hinterlassen. Um dieses finanzielle Fiasko auf einen Schlag zu beseitigen, kamen der Fürst und seine Ehefrau auf folgende Idee: Scheidung und Wiederverheiratung von Pückler mit einer reichen Erbin.

(5) Ein Tagelöhner hat kein festes Arbeitsverhältnis, er muss seine Arbeitskraft in der Regel immer wieder kurzfristig bei neuen Arbeitgebern anbieten und zählt zur untersten Schicht der Gesellschaft.
Bild 9: Das Pückler-Muskau-Wappen

1826

kam es zur Scheidung von Lucie, mit der er lebenslang ein freundschaftliches Verhältnis bewahrte. Die Fürstin mit dem Kosenamen „Herzensschnucke“ oder „Schnucke“ wohnte auch als geschiedene Frau weiter auf Muskau. Pückler erhielt im gleichen Jahr den Charakter als Oberst. Der stets verschuldete, luxusverwöhnte und exzentrische Snob reiste nun nach England, um erneut reich zu heiraten.

Bild 10: Blick auf London um 1751 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Panoramic_view_of_London_in_1751_by_T._Bowles.JPG

Er bewunderte den Lebensstil des englischen Landadels, jedoch die Brautschau blieb erfolglos. Dafür wurden seine Reiseberichte literarisch und finanziell ein Erfolg in Deutschland, dann auch in England und den USA.
„Ein Jahr nach seiner Ankunft in England glaubte er endlich, die Richtige für seine Heiratspläne gefunden zu haben, die Tochter eines schwerreichen Juweliers. Der Vater fühlte sich geschmeichelt, einen Fürsten zum Schwiegersohn zu bekommen, und auch die Tochter zeigte lebhafte Neigungen für Pückler. Alles schien in Ordnung, da kommt plötzlich der Vater bestürzt zu ihm und erklärt, alles sei aus. Seine Tochter habe erfahren, dass der Fürst sich nur zum Schein von seiner Frau habe scheiden lassen, und danach könne von der Heirat keine Rede mehr sein. Pückler bemüht sich, die Situation zu retten, und der Vater versucht zu vermitteln, aber alles ist vergebens. ‚Der Papa‘, schreibt Pückler, ’nahm mit Tränen in den Augen von mir Abschied, und ich von seinen 200.000 Pfund Sterling.’“
Im Februar lernte er eine Miss W. kennen, die ersichtliche Herzensgüte mit einer an Dummheit grenzenden Beschränkung des Geistes verband. Gerade darum hielt Fürst Pückler sie für seine Zwecke für recht geeignet. Aber bald stellte sich heraus, dass die Hauptsache, der Reichtum, bei ihr höchst unsicher war, und sogleich ließ er das Projekt fallen. Als Pücklers Hoffnungen auf Verwirklichung seiner Heiratspläne immer mehr schwanden, die internationale Presse ihn verhöhnte, packte ihn wieder die Reiselust. Er durchstreift England, Wales und Irland. Als Kenner genießt er die vortrefflichen englischen Landstraßen. Zu Pferde und auf Fußwanderungen dringt er auch in abgelegene Gegenden vor und besucht alle Orte, die den Ruhm Old Englands ausmachen: Stratford, Eaton College und Oxford, die Kathedralen von Salisbury, York und Canterbury.“(6)

1829

bereiste Pückler Dover, Calais und Paris.

1830

erschienen die „Briefe eines Verstorbenen“, Band 1 und 2.

1831

erschienen die „Briefe eines Verstorbenen“, Band 3 und 4.

1833

wurden die „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ sowie „Tutti-Frutti“ in vier Bänden veröffentlicht.
In Deutschland erschienen

1834

die „Jugendwanderung“ und „Semilassos vorletzter Weltgang“ in drei Bänden.

(6) Johannes Paul: „Abenteuerliche Lebensreise - Sieben biographische Essays“ (Seite 207 -245: Fürst Pückler: Abenteuerliche Lebensreise) - Wilhelm Köhler Verlag Minden 1954 

1835

In Deutschland erschien “Semilasso in Afrika” (fünf Bände).
Im Februar kam Pückler von Toulon (Frankreich) in Algier (Algerien) an und nahm einen deutschen Legionär als Sekretär und Reisebegleiter in seine Dienste.
Pückler reizte das Exotische, das rege Treiben in den Städten, die maurische Baukunst.
An Bettina von Arnim schrieb er: „Als ich am Fuße eines Orangenbaums mich unter Veilchen neben einer frisch sprudelnden Quelle niedergelassen hatte, aus einer langen Pfeife mit der wollüstigen Bernsteinspitze den Dampf wohlriechenden Tabaks emporsteigen sah und mir nun noch den Himmel mit Houris angefüllt dachte, gefiel mir das orientalische Leben so wohl, dass ich, wäre es mir nur irgend möglich, meine preußischchristlichen Güter loszuwerden, große Gefahr liefe, hier Mohammedaner zu werden.“(7)

(7) http://www.fuerstpueckler.de/zeitungsartikel/von_tunesien_nach_malta.htm
Bild 11: maurische Baukunst (Urheber: Misburg3014 – Wikipedia)

Nun ging es per Schiff weiter nach Tunesien.
„El Djem, damals Thysdrus, blühte im 3. Jahrhundert nach Christus dank weltweiten Olivenexportes. Spiegel des Reichtums wurde das Kolosseum, das drittgrößte Amphitheater der Römerzeit. Der Architekt nutzte alle Erfahrungen der vorherigen 3500 Jahre, der Fußboden war beweglich, die Wände zierte weißer Marmor, von dem heute noch Reste zu sehen sind. Auf den Rängen war Platz für 35.000 Menschen, das war fast die ganze Stadt. In den Katakomben unter der Arena hausten Gladiatoren und wilde Tiere des Atlasgebirges, zum Beispiel Löwen und Tiger. Pückler-Muskau schrieb an seine Frau, er habe seinen Namen in eine Steinwand im Kolosseum geritzt. Wo genau das Autogramm zu finden ist, verriet er nicht.“(8)
An solchem Vandalismus fand Pückler großen Gefallen. Ungeachtet dessen, ob die Objekte historisch wertvoll oder gar heilig waren, sein zukünftiger und erschreckender Vandalismus in der arabischen Welt begann hier.

(8) http://www.faz.net/aktuell/reise/fern/tunesien-fuerst-pueckler-von-arabien-1278935.html 

Von hier aus folgte ein Trip zu den Ruinen von Karthago.

Bild 12: Karthago – Überreste einer Weltmacht Foto: Autor M. K.-H. Heuer
Bild 13: Karthago – Überreste einer Weltmacht Foto: Autor M. K.-H. Heuer

 

Die ritterlichen und stets gastfreundlichen Beduinen der Sahara empfand Pückler als eine der vollendeten Formen des Menschentums.

Bild 14: Beduine der Sahara Foto: Autor M. K.-H. Heuer

„Abschied aus Tunis 

Der Tag lässt sich nicht mehr genau feststellen, es muss so um den 20. Oktober 1835
gewesen sein, als Fürst Pückler mit Sack und Pack in die Goletta zog (heute: La Goulette, Hafen-Vorstadt von Tunis). Mehrere Konsuln(9) gaben ihm zum Abschied das Geleit. Doch welche Überraschung – der Bey von Tunis hatte eine ‚kleine Erfrischung‘ geschickt: Diese orientalische Galanterie nahm ein ganzes Transportboot ein, und bestand aus folgenden Gegenständen: 4 Ochsen, 20 Schafe, 100 Hühner, 6 Bockshäute voll feinen Öls, 4 Fässer Butter, 500 Eier, 300 weiße Brote, 2 Zentner Zucker, 1 Zentner Mokkakaffee, 2 Zentner Reis, mehrere Wagenlasten Gemüse aller Art, 2 große Körbe voll Weintrauben, 100 Melonen, 100 große Wassermelonen, sechs Kisten aller Arten Konfitüren des Harems. Was sollte nur damit werden? Auf gar keinem Fall durfte irgendetwas zurückgelassen werden, das hätte gegen alle Etikette und Höflichkeit verstoßen. Doch Pückler wäre nicht der weltgewandte Fürst, natürlich wusste er sofort eine Lösung. Er gab als wahrhafter Grandseigneur das großzügige Geschenk einfach weiter an die Mannschaft des belgischen Schiffes, damit war bestens die Überfahrt abgegolten.“(10)

(9) Plural von Konsul (Amtsperson)
(10) http://www.fuerstpueckler.de/zeitungsartikel/von_tunesien_nach_malta.htm

Im Jahre 1835 fuhr der Fürst mit dem Schiff von Tunis weiter nach Malta. Die Befestigungsanlagen in der maltesischen Hauptstadt Valetta beeindruckten ihn ungemein.

Bild 15: Befestigungsanlagen der Johanniter-Ritter in der maltesischen Hauptstadt Valetta Foto: Autor M. K.-H. Heuer
Bild 16: Befestigungsanlagen der Johanniter-Ritter in der maltesischen Hauptstadt Valetta Foto: Autor M. K.-H. Heuer

„Quarantäne in Valetta

Malta und Tunesien trennen an der engsten Stelle nur 290 Kilometer, der Seeweg zwischen den beiden Hauptstädten beträgt rund 400 Kilometer. Nach anfänglicher Flaute ging die Überfahrt flott voran, nur die Landung wurde kompliziert. Lange schon sahen wir das reich bebaute Gozo und später Malta vor uns, ohne es erreichen zu können, da uns der Wind noch immer heftig entgegen blies, und als wir zuletzt im kleinen Quarantäne-Hafen einliefen, waren wir noch nahe dran, an den Uferfelsen zu scheitern. Obgleich wir nur einen kleinen Teil der Stadt sahen, frappierte uns doch der Anblick europäischer Ordnung, glänzender Paläste in unserem Stil und der kühnen Festungswerke der Johanniter-Ritter, welche die Engländer in vortrefflichem Stand erhalten. Wie sehr er in Europa angekommen war, erfuhr der Fürst sogleich, er musste trotz mehrerer Empfehlungsbriefe in Quarantäne, denn in Europa wütete eine Cholera-Epidemie.“(11)
Als einen weiteren Höhepunkt des Jahres 1834 galt die in Deutschland erschienene „Jugendwanderung” und „Semilassos vorletzter Weltgang“ in drei Bänden.

Im Dezember schiffte sich Pückler nach Patras (Griechenland) ein und fuhr

1836

mit dem Segelboot von Patras nach Piräus. Zu Fuß ging es weiter nach Athen und wiederum mit dem Schiff nach Theben und Kreta.

1837

kam Pückler mit dem Schiff in Alexandria (Ägypten) an.

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(11) http://gaebler.info/ahnen/paul/johannes-pueckler.htm
Anschließend reiste der Fürst zu den Kolossen von Abu Simbel in Ägypten und hinterließ ohne Respekt vor der Antike einen unbeschreiblichen Vandalismus(12), ein Symptom mangelnder Kinderstube. So erhielt die 3. Sitzstatue auf der nackten Brust eine in Stein gemeißelte Inschrift des Fürsten Pückler-Muskau sowie dessen Ordenskreuz.

Bild 17: die Kolosse von Abu Simbel: Weltwunder, uralt, Ehrfurcht einflößend https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Abanoub11.jpg
Bild 18: Vandalismus an der Statue von Ramses II. am Großen Tempel von Abu Simbel Stadtarchiv Cottbus

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(12) Unter Vandalismus versteht man Zerstörungswut oder Zerstörungslust. Vandalismus ist bewusste illegale (bzw. Normen verletzende) Beschädigung oder Zerstörung fremden Eigentums als Selbstzweck. (wikipedia.org)

1837

kam es zum Erwerb der etwa 10- bis 12-jährigen Machbuba auf dem Sklavenmarkt als schwarze Gespielin, die er mit nach Europa nahm.

Bild 19: Machbuba

Sie dürfte die berühmteste Sklavin und Geliebte eines deutschen Fürsten des 19. Jahrhunderts gewesen sein. Der Name Machbuba bedeutet zu Deutsch „Die Goldene“ oder auch „Mein Liebling“. Ihr eigentlicher Name war möglicherweise Ajiamé. „Bei der ersten Begegnung trug Machbuba nur einen weißen Mousselinschleier und darunter einen mit Muscheln verzierten Gürtel aus winzigen Lederriemen. Von diesem Anblick war der Fürst völlig hingerissen. Er zahlte dem Sklavenhändler, ohne zu feilschen, den geforderten Preis.“(13) „Mitunter begehrte die Sklavin und Geliebte gegen ihren Herrn auf. Vielleicht war der Grund für die Auseinandersetzungen die mangelnde Liebe des jungen Mädchens zu dem älteren Mann. Einmal warf Machbuba während einer Schifffahrt ein Geschenk Pücklers über Bord ins Wasser, worauf sie zur Strafe 24 Stunden lang in die Badestube eingesperrt wurde.“(14)
Pückler bezeichnete sie als seine „Maîtresse“, diese sagenumwobene Kindsfrau. Nach orientalischem Verständnis stand sie schon an der Schwelle zur Frau. Und er, der gern im Rampenlicht stand, stellte sie selbst am kaiserlichen Hof in Wien als äthiopische Prinzessin vor. Zweifel kamen auf, ob Machbuba überhaupt wusste, wie alt sie war. Zweifel kamen auf, ob die Geste, sie freizukaufen, richtig war. Und wie steht es mit den Prinzipien der Achtung der Menschenwürde? Wurde Machbuba gerettet aus den Fängen der Sklaverei oder geriet sie erneut in eine Sklaverei, in Pücklers Sklaverei? Pückler nahm sie mit in seine Heimat, aber im Biedermeier(15) wurden Untertöne laut, ob es sich bei der Liaison zwischen Pückler und Machbuba nicht um Unzucht mit Minderjährigen oder auch Missbrauch als Lustsklavin handele. Doch da die ursprüngliche Fassung des deutschen Strafgesetzbuches, das Reichsstrafgesetzbuch (RstGB), erst 1872 in Kraft trat, geriet Fürst Pückler mit dem Gesetz nicht in Konflikt.
Bevor Pückler die Heimreise aus dem Orient antrat, machte er sich große Gedanken wegen seines Besitzes in Muskau. Eigentlich war es ein Klotz am Bein und musste schnell abgestoßen werden.
Ein weiteres Problem war der Harem, den er sich unterdessen zugelegt hatte. Wie würde Lucies Reaktion darauf wohl sein? Vorsorglich verschenkte der Fürst unterwegs überzählige Sklavinnen. Lady Hester Stanhope (weltbekannte Exzentrikerin und Astrologin), die im Felsenschloss Dahar-Dschuhn bei Beirut lebte, bekam auch eine davon.

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(13) http://www.grin.com/de/e-book/150529/machbuba-die-sklavin-und-der-fuerst
(14) http://www.klixs.de/machbuba/M/493.html
(15) Der Ausdruck Biedermeier bezieht sich zum einen auf die in dieser Zeit entstehende eigene Kultur und Kunst des Bürgertums, zum anderen auf die Literatur der Zeit, die oft mit dem Etikett „hausbacken“ oder „konservativ“ versehen werden. Als typisch gilt die Flucht ins Idyll und ins Private. (wikipedia.org)


Sein erklärter Pantheismus(16) und sein extravaganter Lebensstil machten ihn im reaktionären Preußen der Biedermeier-Ära fragwürdig. Als spleeniger Dandy(17) unterschied er sich von seinen Standesgenossen. Bis zu seinem Tode kleidete sich Pückler im moslemischen Stil.

Als weiteren Höhepunkt des Jahres 1837 begann für den Fürsten die Einschiffung auf einer ägyptischen Brigg nach Alexandria. Er machte Station in Kairo und bestieg in Gizeh die Cheops-Pyramide.
Wieder einmal bewies Pückler mangelnden Respekt vor Jahrtausend Jahre alten Heiligtümern und meißelte seine Inschrift in Stein – ohne Gewissen. Vandalismus pur!


(16) Pantheismus „bezeichnet die Auffassung, Gott sei eins mit dem Kosmos und der Natur.
(17) Der Begriff „Dandy“ kam Mitte des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts auf und bezeichnet junge Leute, die in auffälliger Bekleidung Kirchen oder Jahrmärkte besuchen.

Von hier aus wurden die Pyramiden von Meroe (Sudan) angesteuert und es kam erneut zu furchtbarem Vandalismus seitens des Fürsten. Er meißelte in das Heiligtum seinen Namen.

Der Isis-Tempel als große heilige Stätte der alten Ägypter wurde ebenfalls nicht verschont. Hier meißelte Pückler-Muskau 1837 Namen und Ordenskreuz ein.

(18) Graffiti steht als Sammelbegriff für thematisch und gestalterisch unterschiedliche sichtbare Elemente, zum Beispiel Bilder, Schriftzüge oder Zeichen, die mit verschiedenen Techniken auf Oberflächen oder durch deren Veränderung im privaten und öffentlichen Raum erstellt wurden. Die Graffitis werden zumeist unter Pseudonym und illegal gefertigt. Wikipedia.org

Auch von der Ruinenstätte Naga im Sudan machte Pückler nicht Halt, er meißelte 1837 seinen Namen und das Ordenskreuz in heiligen Stein.

Als nächstes war der Löwentempel in Musawwarat an der Reihe. Hier meißelte Pückler 1937 in Stein:

EST VENU VISITER CES RUIN ES MANDÉ PAR SON ESPRI FAMILIER
(sinngemäß: Er ist gekommen, um diese Ruinen zu besuchen, gesendet von dem guten Geist des Hauses.)

Anschließend waren die Karnak-Tempel in Ägypten das Ziel Pücklers Vandalismus.

Die Fürstin Pückler nahm den kleinwüchsigen Vorzeige-Zwerg Wilhelm Heinrich Masser auch Billy Masser (*1824, † 1907)

1841

in ihre Dienste. Die Auswahl gefiel dem Fürsten auf seiner notorischen Suche nach Publicity. Zum Zeitvertreib steckte man den kleinen Mann in verschiedene Phantasiekostüme. Er wurde Haushofmeister, langjähriger Unterhalter, ein umsichtiger Reisebegleiter und begabter Schachpartner, Vertrauter Pücklers, leidenschaftlicher Jäger, Spion (Pückler traute niemandem), schreibgewandter Geheimsekretär, sorgsamer Archivar und Bibliotheksverwalter. Wegen Massers Jagdleidenschaft nannte Pückler ihn „Jagdvergnügling“. Ob scherzhaft oder abwertend, sei dahingestellt.

Im gleichen Jahr engagierte Fürst Pückler Mensen Ernst (*1795, † vermutlich 1843). Ernst war ein norwegischer Schnellläufer und zeichnete sich durch eine meisterhaft vollendete Beherrschung im Gehen aus. Er lief in allen großen Städten Europas, trat sogar gegen Pferde an und gewann sämtliche Wettbewerbe. 1836 läuft er von Konstantinopel (heutiges Istanbul) nach Kalkutta (Indien) und zurück in 59 Tagen. Er bewältigte eine Strecke von 8300 km. Für Pückler lief Ernst regelmäßig lediglich von Branitz nach Berlin und zurück. Ernst gilt als verschollen.